Lernen von Mikroorganismen

Prof. Dr. Antje Boetius als Gastrednerin beim 4. Heinrich-Albertz-Symposium

Die Natur und insbesondere die Weltmeere erfüllen eine herausragende Rolle in der Bewältigung der Klimakrise. Das erläuterte Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, beim 4. Heinrich-Albertz-Symposium. „Den Rest“, so die weltweit renommierte Meeresbiologin und Tiefseeforscherin, „müssen die Menschen übernehmen.“

160 Teilnehmende hatten sich in die Online-Video-Veranstaltung des AWO Landesverbandes Bremen, der Bremischen Evangelischen Kirche und der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeloggt: „Eine wirklich tolle Resonanz“, konstatierte Moderator Dr. Dietmar Molthagen. In seiner Begrüßung hatte AWO Landesvorsitzender Dr. Uwe Lissau betont, um den Klimawandel müsse man „nicht drumherum reden“: Der Klimawandel sei eine seine wissenschaftlich unbestrittene, reale und gefährliche Bedrohung für den Fortbestand des Planeten Erde und der Menschheit: „Doch noch können wir etwas tun.“

In eindrucksvollen Grafiken und Schaubildern verdeutlichte Dr. Boetius, dass die Natur bis in die 50-er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Erde gut allein im Gleichgewicht halten konnte. „Die Ozeane nehmen 93 Prozent der Erdwärme auf, verarbeiten 25 Prozent des CO2, liefern 25 Prozent des Proteins in unserer Nahrung und die Einzeller in den Ozeanen produzieren so viel Sauerstoff wie alle Bäume auf der Welt zusammen“, sagte sie. Seit 1950 sei jedoch die weltweite CO2-Produktion von 10 auf 40 Gigatonnen gestiegen und die Schere zwischen CO2-Quellen und CO2-Senken klaffe immer weiter auseinander. 50 Prozent des weltweit jährlich produzierten CO2 könne die Natur nicht mehr verarbeiten und sammele sich in der Atmosphäre.

In den Meeren schlummere unglaubliches Potenzial: „Zehn Millionen Arten von Tiefsee-Lebewesen warten noch auf ihre Entdeckung“, betonte die Forscherin und fügte hinzu: „Und wir können sehr viel von diesen Mikroorganismen lernen: Sie haben Lösungen für das Zusammenleben und für Anpassungen an das Leben und die Umgebung parat, auf die wir Menschen noch nicht gekommen sind.“ Das Zeitfenster für menschliche Veränderungen werde immer kleiner bis so genannte Kipppunkte erreicht sind, an denen der Mensch keinen Einfluss mehr hat (Abschmelzen der Gletscher, Artensterben). Und natürlich könne jeder etwas tun, der Schlüssel liege aber im globalen, schnellen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen hin zu regenerativen Energien: „Wir müssen ein fruchtbares Gleichgewicht schaffen zwischen Mensch und Ozean – und das ist wissenschaftlich möglich. Und wenn wir die Ozeane schützen, schützen wir auch uns selbst.“

In ihrem Impulsvortrag, an den sich eine lebendige Diskussion anschloss, baute Boetius immer wieder eine Brücke zu einer berühmten Predigt des Theologen, Politikers und langjährigen AWO-Vorsitzenden Heinrich Albertz über den Bibeltext Offenbarung des Johannes, 21 1-7, in der von einer neuen Zeit und einer neuen Erde die Rede ist.

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